In aller Stille - zu mehr Selbstbewusstsein

Der Großteil der Menschen, die zu mir in die therapeutische Praxis kommen, haben den Wunsch, sich selbst besser kennenzulernen.

Sie haben das Gefühl, nicht gut zu wissen, wer sie eigentlich sind, was sie als Menschen auszeichnet, was sie eigentlich wirklich wollen von ihrem Leben.

Diese Ungewissheit geht gewöhnlich mit einem Gefühl von innerer Unruhe und Nervosität einher, manchmal auch mit einem Gefühl von Leere. In Alltagssituationen fühlen sie sich schnell unter Druck und gestresst und können vor allem in sozialen Situationen nur sehr schwer zu sich stehen.

Sie passen sich dann lieber den Meinungen der anderen an, versuchen zu entsprechen, Erwartungen gerecht zu werden, niemanden zu enttäuschen oder gar zu verletzen. Sie vergleichen sich viel mit anderen, oft steigen sie dabei schlecht aus. Warum kann ich nicht sein, wie meine beste Freundin, die Kollegin, der Partner oder der ehemalige Schulkollege? Wieso bin ich nicht auch so erfolgreich, schön, liebenswert oder selbstsicher wie sie?


Der Vergleich mit anderen ist eigentlich der Versuch sich selbst zu erkennen und sich seiner selbst bewusst zu werden. In der Wahrnehmung dessen, was andere an uns sehen und was wir an anderen an positiven Seiten erkennen, versuchen wir auch uns selbst erblicken zu können:

Wer bin ich eigentlich?

Was zeichnet mich aus?

Welche Werte sind mir besonders wichtig?

Welche Charaktereigenschaften gehören untrennbar zu mir?

Was mögen andere Menschen an mir? Was mag ich selbst an mir?


Tatsächlich ist es wichtig, dass wir uns selbst gut kennen und einschätzen können. Es ermöglicht uns, die täglichen Herausforderungen in Beruf und Alltag gut zu bewältigen. Wenn ich weiß, was ich gut kann und worin meine Schwächen liegen, wenn ich weiß, was ich gerne mag, was meine Ziele sind, welche Werte ich im Leben verfolge, auf welche persönlichen und materiellen Ressourcen ich zurückgreifen kann, fällt es um ein vielfaches leichter allen Anforderungen, denen wir im Laufe eines Lebens begegnen, gewachsen zu sein.

Warum aber, fällt es so vielen Menschen so schwer, sich selbst kennenzulernen?

Meiner Meinung nach besteht ein Hauptgrund darin, dass wir kaum noch Zeit haben, in der wir in aller Stille und Ruhe da sind. Zeiten, in denen wir einfach nur da sind, ohne gerade etwas tun zu müssen, ohne Nachrichten am Telefon zu lesen, ohne uns mit Videos auf youtube abzulenken, ohne Musik, Fernsehen, Hektik oder Beschäftigung.

Um uns selbst kennenzulernen, müssen wir uns Zeit nehmen und uns selbst zuhören. Und Zuhören setzt Stille voraus, damit wir in all dem Trubel überhaupt etwas hören können. Es geht darum, sich nicht abzulenken und dauernd im außen nach Beschäftigungen zu suchen. Es geht darum ruhig zu werden und sich uns selbst zu stellen.


Für Erling Kagge...

"(...) ist Stille nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen, Stille ist etwas Eigenes, eine eigene Qualität, sie ist auf tieferer Stufe das Eintauchen in eine andere Welt, in die Innenwelt des Selbst, indem ich die Tür nach außen möglichst schließe, Reize, auch visuelle, möglichst meide, wie die drei Affen: nicht schauen, nicht lesen, nicht hören."

So beschreibt er sie in seinem Buch "Stille. Ein Wegweiser", ein Buch, das ich jedem sehr ans Herz legen kann, der sich mit diesem Thema näher auseinandersetzen möchte.


Dieses Eintauchen in die eigene Innenwelt ermöglicht also das Kennenlernen von uns selbst. Das ist nicht immer nur einfach und schön, sondern bringt auch Seiten an uns zum Vorschein, die wir vielleicht nicht mögen oder an uns ablehnen. Das kann zunächst erschreckend sein, doch bei näherer Betrachtung, liegt darin kein Schrecken und keine Gefahr, sondern eine Chance verborgen. Die Chance zu erkennen, wer wir wirklich sind, auch mit allen Unzulänglichkeiten, Fehlern und Mäkeln. Sie gehören zu uns, und es lässt sich wesentlich besser mit ihnen umgehen, wenn wir sie nicht verdrängen und ablehnen müssen.


Daher mein Appell, sich nicht vor diesem Prozess zu fürchten, sondern sich auf ihn einzulassen. Sich genügend Momente der Stille und Ruhe zu gönnen, darauf zu achten, welche Gedanken, Gefühle und Impulse in uns da sind und uns so Schritt für Schritt besser kennenzulernen und zu verstehen.



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